Tiere als Spiegel der Seele

(c) 1999, Cornelia Savory-Deermann


Dies ist ein Buch über uns, die Menschen. Es erzählt uns, wie wir uns selbst beschreiben, wenn wir über all das sprechen, was uns an den unterschiedlichsten Tieren beeindruckt, bewegt oder erschreckt und ängstigt.

Alles, was ein Mensch betrachtet, erscheint ihm im Bezugssystem seiner persönlichen Überzeugungen, Erfahrungen, Ängste und Wünsche. Sein Alter, sein Geschlecht, seine kulturelle Prägung, ja sogar sein Gesundheitszustand sind Parameter, die seine gefühlsmäßige und intellektuelle Bewertung eines Ereignisses, eines anderen Menschen, eines Tieres, eines Liedes oder eines Bildes bestimmen. Alles spiegelt uns so gesehen eine „objektive Wirklichkeit", gekleidet in sehr subjektiven Gewändern von Gefühlen und Gedanken. Deshalb ist ein Glas halbleer oder halbvoll. In unserer Sprache ist es nicht vorgesehen, das Glas wertfrei nur „halb" zu nennen: denn was wäre dann halb, der Füllungs- oder der Leerungsgrad? Wir sehen, hier spiegelt uns die Sprache unsere polare Art zu denken und zu erleben. Alles, was wir wahrnehmen, wird von uns bewußt oder unbewußt in Bandbreiten von nützlich oder unnütz, von im weitesten Sinn gut und schön oder böse und häßlich einsortiert. Etwas, das uns wirklich gleichgültig ist, nehmen wir erst gar nicht wahr, es verschwindet am Rande unserer Aufmerksamkeit. Unsere Lieblingstiere oder Lieblingsbücher, auch das, was unsere Verachtung genießt, ja jeder Mensch spiegelt uns geliebte oder ungeliebte und deshalb oft verdrängte Aspekte unserer eigenen Psyche. Sympathie und Antipathie, auch der berühmte erste Eindruck sind solche Reflektionen. „Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters", wie Goethe sagt.

Gerade Tiere sind so wunderbare Spiegel für unsere Seele, für unsere Ängste, Wünsche und Werte, weil sie uns ganz offensichtlich in ihrem Fühlen und Verhalten verwandt, gelegentlich bis hin zur Karrikatur ähnlich sind. Außerdem gibt es wohl kein einziges menschliches Empfinden, keine Qualität, die nicht durch irgendein Tier auf dieser Welt versinnbildlicht würde. Viele Redewendungen zeigen dies an: der starke Bär, der feurige Hengst, der treue Hund, der kluge Rabe, der listige Fuchs, der alberne Affe, der eitle Pfau, der schöne Schwan, der Streithammel, die Friedenstaube, das scheue Reh, die doppelzüngige Schlange, die diebische Elster, die graue Maus, das blinde Huhn, der stumme Fisch, die lahme Ente, der elende Wurm, der Angsthase, der Frechdachs, usw ....

Tiere erscheinen uns häufig in unseren Träumen. Gefahr, aber auch Hilfe wird in Träumen oft durch Krokodile, Bären oder andere Raubtiere symbolisiert. Zärtliches Vertrauen, kreatürliche Urgeborgenheit zeigt sich in manchen Tierträumen von kleinen Hasen , schützenden Hunden oder säugenden Kühen. Tauchen in unseren Träumen Kultursymbole wie Panzer, Maschinen oder Autos auf, so finden darin im allgemeinen unsere Kulturkonflikte, unsere sozialen, beruflichen oder gesellschaftlichen Chancen und Ängste Ausdruck. Die Natur ins uns, unsere Instinkte und tieferen Emotionen dagegen werden in unseren Träumen meistens durch Natursymbole wie Tiere, Feuer, Wasser, Stürme oder Sterne symbolisiert. Kinder träumen in ungleich höherem Maße von Tieren als Erwachsene. O.Vedfeld schreibt, daß Kinder bis zum Alter von vier Jahren in einundfünfzig Prozent ihrer Träume von Tieren träumen. Er sagt, dies habe mit ihrer großen Spontanität und der Instinktivität ihrer Impulse zu tun. Ich möchte ergänzen, es liegt auch daran, daß Kinder der Natur in sich und um sich insgesamt noch viel näher stehen, als dies bei Erwachsenen in der Regel der Fall ist.

Die Ambivalenz seelischer Aspekte wird im Symbolwert nahezu jeden Tieres deutlich.

Der Wolf erscheint einem ängstlichen, „lammfrommen" Menschen, der sich selbst als wehrlos erlebt, zweifellos als reißendes Monster. Ein abenteuerfreudiger, selbstbewußter Unternehmer z.B. wird sich dagegen eher mit dem Wolf in heimlichen Einverständnis sehen. Die Maus ist als Mickey Mouse verspielt und liebenswürdig - als Massenplage, als entinduvidualisiertes Massenwesen steht sie dagegen für Tod und Untergang. Der Fuchs zeichnet sich durch schon strategisch zu nennende Klugheit aus - gleichzeitig erscheint er als hinterlistig, nämlich all denen, die ihm unterlegen sind, und das sind oft genug die Jäger. Es kommt immer auf den subjektiven Standort und Erfahrungshorizont des Beobachters, des „Symbolbilders" an, welche Wertung er vornimmt. Dies gilt nicht nur für den Einzelnen, sondern gleichermaßen für alle Kulturen.

Die Bandbreite der Symbolbedeutung mancher Tiere ist enorm. Eine einzelne Tierart kann sogar ganz entgegengesetzte Qualitäten versinnbildlichen.

Ein gutes Beispiel hierfür ist der Hahn. Aus frommer Christensicht wurde nur sein früher Schrei focussiert, alle seine anderen Eigenschaften dagegen ignoriert oder verdrängt. Wegen dieses frühmorgendlichen Weckrufes galt er als Inbegriff des Lichtes, das die Finsternis und alles Böse überwindet. Er wurde zum Symbol Christi und zierte deshalb die Kirchtürme. Seine gnadenlose Kampfeswut, aus Christensicht Sünde und Teufelslust, wurde verdrängt, nicht wahrgenommen.

Hier wird sehr gut deutlich, wie selektiv die menschliche Wahrnehmung arbeitet, und wie subjektiv damit Bewertungen sind. Viele Werthaltungen haben sich im Verlauf von Jahrtausenden etabliert und spiegeln damit nicht nur persönliche, sondern auch verinnerlichte, kulturelle Perspektiven wider.

Mein Mann und ich haben eine English Bulldog Hündin. Sie ist ihrer Art gemäß stämmig gebaut, hat einen großen Kopf und eine sehr kurze Schnauze. Gehe ich mit ihr durch die Stadt, so sind die Kommentare der Passanten oft amüsante Aussagen über sich selbst. Eine sehr dicke Dame, die sozusagen nach Schwarzwälderkirschtorte duftete, meinte verächtlich: „Uh, der Hund ist aber fett!" Ein kleiner Junge rief einmal: "Mama, da ist ein Bärenbaby!" Ein sportlicher, legerer Mann fragte: „Tolle Muskeln, haben sie ihn zum Wachhund ausbilden lassen?" Ängstliche Menschen machen einen Bogen um sie, und selbstbewußte Individualisten erkundigen sich gelegentlich nach einem Züchter.

Wir erleben in den Tieren ganz unterschiedliche Facetten unserer selbst gespiegelt, und entsprechend lieben, fürchten oder verachten wir sie. Sie bieten uns eine Chance, uns selbst besser zu erkennen und zu verstehen, indem wir unseren Gefühlen ihnen gegenüber nachspüren und darüber nachdenken, was sie uns sagen, uns symbolisieren.

Würde ein Mensch sich seinen ganz persönlichen Sreichelzoo und Horrortierwald anlegen, so könnte er alle seine offenen und verborgenen Aspekte dort in „seinen" Tieren erkennen. Seine Defizite und Stärken sprängen ihm ins Auge, und wenn er wollte, könnte er versuchen das eine oder andere Tier, das die eine oder andere Eigenschaft in ihm selbst repräsentiert, zu zähmen, zu streicheln, zu vermehren, neu anzusiedeln, oder auch als „heilige Kuh" zu schlachten.


Index/Home Impressum Sitemap Search new/neu